Es ist kurz nach neun Uhr morgens. Der Parkplatz vor dem Stall ist leer, bis auf ein Auto. Deins.
Du hattest für heute zum Arbeitsdienst eingeladen. Zehn Mitglieder, acht Aufgaben, vier Stunden. Den Aushang am Schwarzen Brett gibt es seit drei Wochen. Die WhatsApp-Nachricht hast du vor fünf Tagen verschickt. Gestern nochmal erinnert.Dein Handy zeigt fünf Absagen und fünf Schweigen.
Du stehst allein. Neben dir: eine Schubkarre, ein paar Eimer und Besen. Irgendwas hat sich fundamental verschoben bei den Leuten. Nicht erst heute. Schon lange.
Das Ärgerliche ist nicht die Arbeit, die jetzt an dir hängt. Das Ärgerliche ist, dass du nicht mehr wirklich weißt, was du dagegen tun könntest.
Das Problem heißt nicht Faulheit. Es heißt Erschöpfung.
Die einfachste Erklärung liegt immer nah. "Die Leute haben keine Lust mehr." "Bewuem geworden." "Früher war das selbstverständlich." "Die denken nur noch an sich selbst." "Dienstleistungsmentalität."
Diese Erklärungen fühlen sich so leicht an und sind doch nicht ganz richtig.
Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hat über Jahre ausgewertet, wie Menschen in Deutschland tatsächlich arbeiten. Das Ergebnis: Vollzeitbeschäftigte leisten im Schnitt 43 Stunden pro Woche bei einem Vertragssoll von durchschnittlich 39 Stunden. Fast 40 Prozent arbeiten regelmäßig an Wochenenden. 22 Prozent werden außerhalb der Arbeitszeit erwartet - telefonisch, per Mail, per Nachricht.
Das ist kein Randphänomen. Das ist der Normalzustand für die Mehrheit der Menschen, die in Reitvereinen, Stallgemeinschaften und Fördervereinen Mitglied sind.
Wenn jemand nach einem langen Donnerstag nach Hause kommt und dann eine Nachricht liest, die ihn an sein Charakterdefizit erinnert, sich zu wenig zu engagieren, reagiert mit Gegendruck. Es ist schlichte, messbare Erschöpfung. Der Freizeitpuffer, der früher für Vereinsarbeit da war, ist für viele Menschen objektiv kleiner geworden.
Der Blick über die Stallgrenze hinaus
Der Deutsche Olympische Sportbund hat zwischen 2014 und 2019 rund eine Million weniger aktive Ehrenamtliche im organisierten Sport gezählt. Eine Million. In fünf Jahren. Das ist eine gesellschaftliches Entwicklung und keine persönliche Charakterschwäche.
Hier lohnt ein kurzer Blick über die Stallgrenze hinaus: Dieses Phänomen zeigt sich überall dort, wo Menschen außerhalb der Erwerbsarbeitszeit für eine gemeinsame Sache eintreten sollen. Ob Elternbeirat, Feuerwehr, Kulturverein oder Team-Engagement im Unternehmen: Die Mechanismen dahinter sind dieselben. Die Pferdewelt macht sie nur besonders sichtbar, weil hier noch ein unschuldiges Lebewesen unter den Defiziten personeller Infrastruktur leidet.
Was dieses Brennglas zeigt, lässt sich auch wunderbar auf andere Organisationsrealitäten übertragen, dazu jedoch mehr an anderer Stelle.
Die Pandemie hat keine neue Krise geschaffen. Sie hat eine alte beschleunigt.
Es wäre bequem, Corona die Hauptverantwortung zu geben. Das greift allerdings zu kurz.
Die Erosion des freiwilligen Engagements war schon vor 2020 im Gange. Was die Pandemie getan hat: Sie hat eine neue Normalität erzwungen, die für viele Menschen überraschend gut funktioniert hat.
Zwei Jahre lang kein Vereinsleben. Keine Arbeitsdienste. Kein Turnier, kein Zusammensein nach dem Training. Und dennoch: Die Pferde wurden versorgt. Der Reitalltag funktionierte. Die Bindung zum eigenen Tier war vielleicht sogar stärker als je zuvor, weil sie sich auf das Wesentliche konzentriert hatte.
Österreichische Sportverbände haben dokumentiert, wie der Anteil der in Vereinen aktiv organisierten Bevölkerung zwischen 2017 und 2021 von 25 auf 18 Prozent gesunken ist. Was noch schwerer wiegt: Unter den verbliebenen Mitgliedern vervierfachte sich der Anteil derer, die das Vereinsangebot trotz Mitgliedschaft höchstens passiv nutzten von 10 auf 40 Prozent.
Der Verein als emotionale Heimat hat an Selbstverständlichkeit verloren. Zurückgewinnen lässt er sich nicht durch Appelle und auch nicht durch Mahnungen. Dafür braucht es etwas anderes.
Zahlungen als Sanktion sind der falsche Weg
An diesem Punkt haben viele Vorstände und Stallbetreiber:innen eine Entscheidung getroffen, die sich logisch angefühlt hat. Wenn die Leute nicht aus moralischer Überzeugung kommen, dann eben aus ökonomischem Druckmittel.
Wer seinen Arbeitsdienst nicht leistet, zahlt. Die Kasse bekommt Geld. Die Arbeit wird trotzdem nicht erledigt.
Der Verhaltensökonom Bruno Frey hat in mehreren Studien untersucht, wie sich das auf Menschen auswirkt. Seine Befunde sind eindeutig: Wenn eine Handlung, die bisher moralisch oder sozial motiviert war, mit Geld verknüpft wird, positiv oder negativ, sinkt im Durchschnitt die innere Bereitschaft dazu.
Das bekannteste Beispiel dafür ist eine Feldstudie aus israelischen Kindertagesstätten. In einer Reihe von Einrichtungen wurde eine Geldstrafe für das verspätete Abholen der Kinder eingeführt. Das Ergebnis war das Gegenteil des Erwarteten: Die Verspätungen stiegen drastisch an. Vorher war "zu spät sein" ein soziales Versagen. Danach war es eine Dienstleistung mit Aufpreis.
Für den Reitverein bedeutet das: In dem Moment, in dem "Wer nicht hilft, zahlt" kommuniziert wird, hört der Arbeitsdienst auf, eine Frage der Gemeinschaft zu sein. Er wird zur Frage des Preises. Und bei einem Preis kann man sachlich kalkulieren. Der moralische Druck verpufft. Die soziale Norm verschwindet. Was bleibt, ist eine Transaktion.
Und Transaktionen erzeugen Konsumenten.
Die Rechnung geht nicht auf
Dabei gab es schon immer ein Tauschgeschäft.
Man gab den Samstagvormittag. Muskelkraft und Zeit. Dafür kam etwas zurück, das auf keiner Rechnung auftaucht: Zugehörigkeit. Gemeinschaft. Das war der Deal jahrzehntelang.
Diese Rechnung geht nicht mehr auf.
Der Einsatz ist teurer geworden. Wer 43 Stunden die Woche arbeitet, samstags erreichbar ist und abends noch Mails beantwortet, dem ist die Freizeit mehr wert als früher. Die Opportunitätskosten der eigenen Zeit sind gestiegen.
Gleichzeitig ist die Gegenseite des Tauschs unsicherer geworden. Die Gemeinschaft, die früher zuverlässig da war - die soziale Wärme, das Wir-Gefühl, die Zugehörigkeit - ist dünner geworden. Pandemie, Individualisierung, der Rückzug ins Private.
Wer hier noch versucht, das fehlende Engagement durch Strafzahlungen oder andere finanzielle Sanktionen zu ersetzen, stellt nicht den alten Tausch wieder her. Er schafft einen neuen. Einen teureren.
Denn Geld als Tauschmittel folgt seiner eigenen Logik. Der Verein bekommt Geld, aber er bekommt nicht, was er wirklich braucht. Und das Mitglied bekommt nicht, was es braucht. Zugehörigkeit ist dennoch nicht käuflich.
Dieser Mechanismus zeigt sich nicht nur im Pferdesport. Überall dort, wo Organisationen versuchen, soziales Engagement durch finanzielle Druckmittel zu steuern, vollzieht sich dieselbe Verschiebung.
Der Blick ins System
Der Soziologe Niklas Luhmann beschrieb soziale Systeme nicht als Ansammlungen von Menschen, sondern als Netzwerke von Kommunikation. Ein Reitverein existiert, solange Kommunikation stattfindet, die bestätigt: Wir gehören zusammen. Der Arbeitsdienst war in dieser Lesart keine Arbeitsleistung. Er war ein Kommunikationsakt. Ich bin dabei. Ich bin Teil von diesem.
Jedes soziale System, so Luhmann, operiert auf einem binären Code: Einem grundlegenden Entweder-oder, das regelt, wie Zugehörigkeit verhandelt wird. Der Code des Vereins lautet: zugehörig oder nicht zugehörig.
Gemeinsam arbeiten? Zugehörigkeit.
Nach dem Einsatz zusammensitzen? Zugehörigkeit.
Trotz Erschöpfung erscheinen? Zugehörigkeit.
Das Wirtschaftssystem läuft auf einem vollständig anderen Code: Zahlung oder Nichtzahlung. In dem Moment, in dem eine Geldstrafe für den ausgebliebenen Arbeitsdienst eingeführt wird, passiert das, was Luhmann eine Systemirritation nennen würde: Der Verein importiert den Code des Wirtschaftssystems in sich selbst. Die entscheidende Frage lautet nun nicht mehr "Bin ich dabei?", sondern "Habe ich bezahlt?"
Die Kommunikation wechselt ihren Code. Damit bricht die Anschlusskommunikation ab. Vorstand und Mitglieder sprechen noch miteinander, aber sie sprechen nicht mehr dieselbe Sprache. Der Vorstand sendet Signale der Gemeinschaft. Die Mitglieder empfangen Signale der Wirtschaft. Und antworten entsprechend: als Kunden.
Das ist kein Führungsversagen. Es ist ein Systembruch. Und Systembrüche lösen sich nicht durch mehr Druck, schärfere Regeln oder höhere Strafen. Sie brauchen eine andere Art von Eingriff. Einen, der den ursprünglichen Code wiederherstellt.
Was das konkret bedeutet und wo du ansetzt, ist der nächste Schritt.

